Beerdigung unseres Berufsstandes?

Geschrieben von Hansueli "Voice" Müller. Veröffentlicht in der Blog

Seit der neuen Hilfsmittelverordnung (HVI/HVA) und dem damit verbundenen Wegfall des Qualitätssicherungsvertrages zwischen Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) und Hörgeräteakustikern gibt es kaum noch Regeln die ein Mindestmass an Qualität fordern und Schwerhörige schützen. Man überlässt die Qualitätsansprüche der jeweiligen Berufsethik von Inhabern und Geschäftsführern von Firmen die Hörgeräte vertreiben oder vertreiben wollen. Leider gibt es Firmen in der Schweizer Hörgerätebranche, die ihre Berufsethik an den Nagel hängten und mit dem ersten Spatenstich unseres Berufsstandsgrabes begonnen haben.

Die Firma Beltone sucht seit einiger Zeit „Fachverkäufer Hörakustik“ für den Raum Basel, Zürich und die Ostschweiz per Stelleninserat im Internet und in Zeitungen. Hinter der freien Stelle als Fachverkäufer verbirgt sich aber eine Stelle als Hörgeräteverkäufer. Gemäss Inserat sucht Beltone Leute, die „engagiert und interessiert sind, hochwertige Hörlösungen verschiedener Marken an die Kundschaft zu verkaufen“. Als Anforderung werden Verkaufserfahrung, EDV-Kenntnisse und stilsicheres Deutsch aufgeführt. Eine Ausbildung zum Hörgeräteakustiker-Geselle oder Meister/FA ist nicht gefordert.

Sucht Beltone tatsächlich Personen die ohne Ausbildung Hörgeräte anpassen? Nein, antwortet Frau Pross Corinne, Personalassistentin bei Beltone, auf rückfrage. Sie suchen Kandidaten die bereit sind, „in einer ca. 1 ½ jährigen Ausbildung das „Handwerk“ des Fachverkäufers zu erlernen“, erklärt Frau Pross per Mail.

Die Fachverkäufer werden also zuerst ausgebildet; aber zu was? Es gibt keine 1 ½ jährige Ausbildung zum Hörgeräteakustiker; weder in der Schweiz noch im nahen Ausland. Ist es eine interne Ausbildung oder diese Schnellbleiche, die als Gerücht in der Branche kursiert? Es wird sich zeigen.

Als Verbandsmitglied des Verbandes Hörakustik Schweiz (VHS) wäre aber Beltone dazu verpflichtet die Qualitätssicherung des Verbandes einzuhalten. Diese garantiert den Kunden, dass Hörgeräte nur durch ausgewiesene Fachpersonen programmiert werden. Gemäss Richtlinien sind dies Hörgeräteakustiker mit eidg. Fachausweis, Meister, Gesellen oder solche die sich in einer Ausbildung befinden und nicht Fachverkäufer. Mit Konsequenzen muss beim VHS aber niemand rechnen. Eine Rückfrage bei Herr Jürg Depierraz, Geschäftsführer des VHS, ergab, dass die Qualitätssicherungsvereinbahrung keine Bussen oder Sanktionen bei Verfehlungen verlangt; es werden auch keine Kontrollen durchgeführt. Herr Depierraz erklärt aber, dass Kontrollen und Sanktionen zurzeit im Vorstand des VHS diskutiert werden.

Was bewegt also Beltone zu einem solchen Schritt, ausser der fehlenden Berufsethik? Klar, man will Kosten sparen; die Ausbildung zum eidg. FA kostet schliesslich, Qualität auch. Diese Ersparnisse kann man den Kunden zukommen lassen oder dem Firmengewinn. Für was sich Beltone entscheidet, wird sich zeigen; naheliegend ist das Letztere. Doch egal für welchen sie sich entscheiden, die politische Wirkung ist schlecht. Kaum werden Beiträge gesenkt und Regeln abgeschafft, wird auf ehrliche Ausbildung und Qualität verzichtet. Eine verbindliche Qualitätssicherung, die scheinbar nur ein Marketing-Gag ist, nützt da auch nicht viel. Das BSV wird sich bestimmt bestätigt fühlen.

Zum Glück gibt es aber viele KMU’s, die mehrheitlich von echten Hörgeräteakustikern geführt werden und daher ein sehr hohes Qualitätsbewusstsein haben, den Beruf verstehen und nicht den schlechten Weg gehen wollen. Es gibt aber auch eine grosse Firma, die ich nur als grossen Ausbildner kenne, die Firma Neuroth.

Nach Auskunft von Herrn Jürgen Leisten, Leiter Vertrieb, beschäftig Neuroth Schweiz zurzeit 14 Auszubildende. „Wir legen Wert auf eine qualifizierte und hochwertige Kundenbetreuung.“ erklärt Jürgen Leisten „Wir bilden daher auf der höchstmöglichen Stufe zum Meister oder mit eidgenössischem Fachausweis aus.“ Als internationales Unternehmen schickt Neuroth seine Auszubildenden in Akustikerschulen in Deutschland, Österreich und in der Schweiz, wobei die meisten in Deutschland und Österreich ausgebildet werden. Generell sieht es Herr Leisten als notwendig, dass so komplexe Produkte wie Hörgeräte, nur von gut ausgebildeten Fachpersonen angepasste werden können. Eine sehr lobenswerte Einstellung.

Ausbildung und Qualität sind nämlich die zwei Dinge die unseren Berufsstand erhalten können. All die Firmen, die genau an dem festhalten, sollten damit beginnen, sich zu wehren. Das Vorgehen von Wenigen schadet der gesamten Branche und muss gestoppt werden.

Euer Voice

Kommentare   

 
#6 Voice 2012-05-24 23:13
Lieber Stefan

Von böswilliger Unterstellung kann hier nicht gesprochen werden. Im Artikel wird klar wiedergegeben, dass Beltone die Fachverkäufer ausbilden möchte. Aber eben in einer nicht existierende Ausbildung, wie Du ja selber schreibst. Und die Ausbildungsdaue r von 18 Monaten ist nicht erfunden, sondern gemäss offizieller Auskunft von Frau Pross.

Die Ausbildung in Österreich dauert 2 Jahre, dass sind 6 Monate mehr Praxis. Die 8 Wochen sind aber nicht nur Theorie, sonder auch sehr viel praxisorientier ter Unterricht. Man lernt schliesslich ein Handwerk, was Praxiserfahrung benötigt.

Beste Grüsse
Voice
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#5 Voice 2012-05-24 22:57
Lieber Stefan

Vielen Dank für Deine einleitende Worte.

Zu 1: Wo es Regeln gibt, muss es Kontrolle und Strafe geben, damit man sich an die Regeln hält. Eine Qualitätssicher ung (QS) ist nichts anderes als eine Ansammlung von Regeln, wo man sich dazu verpflichtet diese einzuhalten. Das Wort, dass man sich daran hält genügt da nicht. Auch die Zusicherung, dass darüber aktuell Diskutiert wird, genügt nicht. Zudem ist die QS nun 10 Monate alt. Eigentlich Zeit genug um Kontrollmechani smen einzubauen.

Zu 2: Es stimmt, dass es eine Sitzung zwischen VHS und AKUSTIKA geben wird. Die AKUSTIKA dementiert aber, dass es eine Einigung zu einer 18 monatigen Ausbildung gegeben hat. Da ist es schon verwunderlich, dass Beltone Leute für eine solche Ausbildung sucht, obwohl die Ausbildung weder für den VHS noch für die AKUSTIKA existiert.

Beste Grüsse
Voice
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#4 Igel 2012-05-24 13:41
Ein Marschhalt ist absolut zu begrüssen, vor allem mit diesen Inseraten, bevor irgendetwas entschieden ist.
Und es werden auch keine Anschuldigungeg n erhoben sonder ich mache mir so meine Gedanken und ziehe meine Schlüsse.
Zum Glück haben wir noch keine Mainstream-Medi en wie in der Politik. Der Sinn dieses Blogg ist eben gerade der ungehinderte Austausch von Meinungen und Kritik, wer damit Mühe hat, muss es ja nicht lesen.
Fakt ist, dass solche Inserate ein falsches Bild auf den Berufsstand des Akustikers werfen, das schleckt keine Geiss weg.
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#3 Born Stefan 2012-05-24 13:22
Das im Stelleninserat gute Verkäufer gesucht werden ist in der Sache unbestritten. Fähigkeiten eines guten Verkäufers sind ja nichts Schlechtes und dazu - wie wir alle wissen - für die Zukunft auch zunehmend wichtiger.

Es bleibt aber eine böswillige Unterstellung, der Firma Beltone vorzuwerfen, die Personen würden nicht ausgebildet. Die angeschwärzte Firma hat hierzu auch unmissverstänli ch kundgetan, dass die Personen die hier gesucht werden eine Ausbildung machen werden.
Ob dann diese Ausbildung 1 1/2 Jahre oder 2 Jahre (wie eine Gesellenausbild ung in Österreich) dauern wird, wird sich bei den bevorstehenden Gesprächen entscheiden.

PS. Eine Gesellenausbild ung in Österreich umfasst 8 Wochen theoretische Fachausbildung, die geplante neue Ausbildungsstuf e sieht hierfür 12 (!) Wochen vor.

Ich plädieren daher für einen "Marschhalt" bei Anschuldigungen und Kritik. Warten wir doch alle erst die definitiven Entscheidungen (unserer Vorstände) in dieser Sache ab.

Kollegiale Grüsse, Stefan Born

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#2 Igel 2012-05-24 12:44
So gerne ich Stefan Born zustimmen würde ist der Wortlaut der Stelleninserate mehr als eindeutig.
1. Es werden "Verkäufer"gesu cht ohne Erfahrung oder irgendeine Ausbildung im Bereich Hörakustik.
2. Die angebliche Ausbildung existiert nicht, und es ist fraglich ob sie kommt.
3. Eine Qualitätsverein barung verdient nur diesen Namen, wenn sie greift und dafür sorgt, dass nur ausgebildete Fachpersonen Hörgeräte anpassen, alles Andere ist Augenwischerei und verdient den Namen nicht.

Dann kann nächsten der Rayonchef Erbsli und Rübli der Migros bei Beltone Hörgeräte anpassen wenn er noch etwas Ahnung hat von EDV - tolle Aussichten. Das BSV freuts.
Leider treibt die Angst vor Umsatzeinbussen in einem noch immer wachsenden Markt, nur aus Gründen der Gewinnmaximieru ng, seltsame Blüten.
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#1 Born Stefan 2012-05-24 12:05
Liebe Leser, geschätzte Berufskolleginn en und Berufskollegen

Ich bin ein interessierter Leser des Kon-sens Blog's und schätze dieses "neue" Sprachrohr sowie auch den Initianten dieses Blog's.

Gerne möchte ich zum Artikel "Beerdigung unseres Berufsstandes" einige Dinge anmerken.

1. Die Qualitätssicher ungsvereinbarun g des VHS wurde von allen VHS-Mitgliedern angenommen. Im Grundsatz wird - was die Einhaltung dieser Vereinbarung angeht - den Verbandsmitglie dern vertraut. Die aktuelle Situation zeigt auch, dass sämtliche Mitglieder diese Vereinbarung einhalten!
Über in der Zukunft eventuell nötige Kontrollen sowie Sanktionsmöglic hkeiten wird im Vorstand des VHS zurzeit diskutiert.

2. Auch das im Artikel angegriffene Mitglied „Beltone“ hält die gültige Qualitätssicher ungsvereinbarun g ein.
Unter welcher Bezeichnung neue Mitarbeiter gesucht werden ist jeweils Sache der Firmen und kann nicht Teil einer Qualitätssicher ungsvereinbarun g sein.
Es ist aber falsch der Firma Beltone zu unterstellen, sie würde sich von allgemein gültigen Qualitätsnormen verabschieden und unausgebildete Personen mit der Anpassung von Hörgeräten betrauen.
Beltone bildet auch heute – wie viele Jahre zuvor – Akustiker mit eidg. Fachausweis sowie auch Gesellen aus. Auch die neu gesuchten MitarbeiterInne n sollen das Handwerk professionell erlernen.

Über die Art des neuen Ausbildungskurs es, über die Details wie Dauer und Prüfungsanforde rungen werden sich die Verbände Akustika und VHS an der gemeinsamen Vorstandssitzun g vom 31. Mai 2012 unterhalten. Der Firma Beltone fehlende Berufsethik zu unterstellen entbehrt also jeglicher Grundlage!

3. Als (noch) inhabergeführte n Betrieb der an Neuroth verkauft hat freut es mich natürlich, dass das VHS-Mitglied "Neuroth" für seine Haltung sowie seine Anstrengungen im Bereich Ausbildung gelobt wird.

Es sind aber ALLE Mitglieder des VHS die die Aus- und Weiterbildung des Verbandes unterstützen und die den folgenden Grundsatz teilen: „Ausbildung und Qualität sind für unseren Berufsstand unverzichtbare Dinge“!

Stefan Born


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