Blick auf das alte Jahr

Geschrieben von Hansueli "Voice" Müller. Veröffentlicht in der Blog

Wir befinden uns schon eine Woche im neuen Jahr. Die letzten guten Vorsätze sind schon lange gebrochen und wir blicken immer noch zurück auf die Ereignisse des letzten Jahres. Vieles ist im 2010 geschehen, schauen wir mal nach was:

Der neue Tarifvertrag ist da!

Gleich zu Beginn des Jahres tritt der neue Tarifvertrag zwischen BSV (Bundesamt für Sozialversicherung) und Hörgerätebranche in Kraft, der inhaltlich keine grossen Änderungen mit sich bringt. Die Anforderungen an die Akustiker, an die Akustikergeschäfte, an die Hörgeräte und die an einen Kostenbeitrag von den Sozialversicherungen sind identisch mit dem Vorgängervertrag. Eine wesentliche Änderung ist die angekündigte Kürzung der Kostenbeiträge an die Hörelektronik von rund einem Drittel. Ein Nachteil für die Kunden ist das nicht, sofern sie ein zuzahlungsfreies Hörgerät wählen: Alle Hörgerätehersteller haben es geschafft, attraktive Hörgeräte mit einem guten Preis/Leistungsverhältnis auf den Markt zu bringen. Das beste Beispiel bringt dabei Siemens, die ihre Budget-Linie Rexton einführte und so eine klare Grenze zwischen zuzahlungsfreien und zuzahlungspflichtigen Hörgeräten zieht. Wer ein Hörgerät ausserhalb der Tariflimite kauft muss tiefer in die eigene Tasche greifen; Umfragen haben ergeben, dass diese Zuzahlung vom Kunden an Hörgeräte gerne freiwillig gemacht wird.

Mit dem neuen Tarifvertrag verschwinden auch die BSV-Preislisten. Viele Akustiker hielten sich an die Preislisten die vom BSV für alle Hörgeräte erstellt wurden und reduzierten den Wettbewerb auf die Dienstleistung. Mit dem Wegfall der Liste für zuzahlungspflichtige Hörgeräte müssen alle Akustiker ihre Verkaufspreise selber kalkulieren, was dem Wettbewerb Tür und Tor öffnete. Durch diesen echten Wettbewerb haben wir Heute auf dem Markt eine Preisdifferenz von bis zu 30% zwischen den verschiedenen Anbietern; was ein wahrer Vorteil für den Kunden ist.

Die Wettbewerbskommission (WEKO) startet Vorabklärungen

Angeregt durch die haltlosen Anschuldigungen des ehemaligen BSV-Chef Alard Du Bois-Reymond, die Hörgerätebranche weise kartellartige Strukturen auf, beginnt die WEKO mit ihren Vorabklärung. Die Branche begrüsst diese Abklärungen und empfängt das WEKO mit offenen Armen und unterstütz es bei den Abklärungen tatkräftig.

Bundesrat möchte Hilfsmittel mit Ausschreibungen beschaffen

In der Botschaft zur 6. IV-Revision (Massnahmepaket a) schlägt der Bundesrat dem Parlament vor, um die Kosten effektiv zu senken, zukünftig Hilfsmittel, in unserem Fall Hörgeräte, durch öffentliche Ausschreibung zu beschaffen. Der Bundesrat unterstützt somit einen Sozialabbau durch Verstaatlichung. Aus der Botschaft geht klar hervor, dass der Bundesrat der festen Überzeugung ist, dass eine Ausschreibung einen echten Wettbewerb darstellt. Wenn man sich überlegt, dass eine solche Ausschreibung nur ein Kampf der Hilfsmittelhersteller um die Gunst einiger weniger Personen aus dem BSV ist, wo bleibt da der Wettbewerb auf dem Markt? Nirgends! Dem Akustiker wird eine feste Palette an Hilfsmittel zu festen Preisen vorgeschrieben, der Kunde wird in seiner freien Wahl entmündigt und Hersteller die die Ausschreibung verloren haben verschwinden vom Markt. Der Wettbewerb ist somit inexistent.

Die Branche ist klar gegen einen Beschaffung durch Ausschreibungen. Einzig die "Organisation für Menschen mit Hörproblemen", pro audito schweiz (pas), unterstütz dieses Vorhaben energisch. Frau Barbara Wenk, zurückgetretene Zentralpräsidentin von pas, teilt die gleiche falsche Überzeugung wie der Bundesrat. Man möchte denken, dass eine solche Organisation für die Menschen mit Hörproblemen kämpft und nicht gegen sie.

Die Sache mit England

Der Preisvergleich zwischen der Schweiz und England vom Phonak Hörgerät Naida V ist wohl der meistverwendetste im Jahr 2010. In der Regel hört man diesen von Menschen sich in der Thematik nicht auskennen und blind der unfairen Berichterstattung folgen.

In der Sendung ECO des Schweizer Fernsehen (SF) vom 22.02.2010 wird wunderbar vorgerechnet, dass das erwähnte Hörgerät bei uns im Vergleich mit England siebenmal mehr kostet. WOW! Woher könnte das kommen? Die schnellste und einfachste Antwort ist wohl diese: Die Hersteller und Akustiker in der Schweiz sind Abzocker und verkaufen das Gerät überteuert, da die Sozialversicherung die Hörgeräte mitfinanziert. Ist das wirklich so?

Die Gründe für diese Preisdifferenz sind vielschichtig: Der National Health Service (NHS - DE: Nationaler Gesundheitsdienst) in England kauft die Hörgeräte für seine Versicherten ein. Der NHS beschränkt sich dabei auf gerade mal 14 Hörgerätetypen. Die Mehrheit dieser 14 Hörgeräte gilt in der Schweiz als veraltet und werden nicht mehr verkauft. Von diesen 14 Gerätetypen kauft der NHS um die 1'000'000 (eine Million!) Stück pro Jahr ein. Phonak hat vermutlich mehrere 10'000 Hörgeräte des gleichen Types auf einmal verkaufen dürfen. Die Anzahl verkaufter Phonak Naida V in der Schweiz wird pro Jahr vermutlich nicht die 100 Stück Grenze überschreiten. Der von SF ECO publizierte Verkaufspreis von Fr. 225.- in England wird wohl dem Einkaufspreis der NHS entsprechen. SF ECO verschweigt aber elegant, dass die Geräte nur über Spitäler der NHS zu diesem Preis verfügbar sind. Im Privatmarkt kostet das Gerät ebenfalls ein vielfaches des NHS Preises (ca. Fr. 1'800.- inkl. Dienstleistung). Durch die staatliche Abgabe beträgt die Wartezeit auf ein NHS Hörgerät, gemäss eines Berichtes der British Society of Hearing Aid Audiologists für neue Klienten, durchschnittlich 47 Wochen. Bei einigen NHS Spitälern beträgt die Wartezeit auf eine Neuversorgung von bestehenden Klienten bis zu 6 Jahren!

Wir haben also eine über hundert mal grössere Einkaufsmenge eines einzelnen Gerätes, eine Abgabestelle die komplett vom Staat finanziert wird, ein System das Versicherte absolut entmündigt und unzumutbare Wartezeiten die den Preis drücken. Der Preisunterschied ist also absolut legitim.

Instant Nudel für das Ohr

Sonetik betritt den Markt und nistet sich in Apotheken quer durch die Schweiz ein. Als erster Anbieter von "Lesebrillen für die Ohren" ist Sonetik ein Novum in der Schweiz. Die Medien pickten sofort die ausgestreuten Körner auf und haben endlich ihren Beweis in Sonetik gefunden, dass echte Hörgeräte vom Akustiker überteuert sind. Schliesslich kosten die Sonetik-Geräte in der Apotheke nur Fr. 400.-. Beim Akustiker kostet ein Gerät mit der gleichen Qualität und Leistung überteuerte Fr. 459.-. Diese unerhörten Fr. 59.- machen uns zu Abzockern erster Güte. Es ist unglaublich, wie manche Medien nur um Quoten zu erhalten auf unfaire und billige Berichterstattung zurückgreifen. Die Branche versuchte sich gegen die parteiischen Medien zu wehren, ohne Erfolg. Immer mehr wurde von den Medien verschwiegen und falsch berichtigt. Die Branche ist hier aber nicht ganz unschuldig. Durch ihre zögernde Art Entscheidungen zu treffen verspielte sich die Branche viel Boden. Hätte man hier gegen die Berichterstattung mehr Entschlossenheit gezeigt, währen uns viele Diskussionen erspart geblieben.

Die Verstaatlichung rückt näher

Das Lobbying des BSV durch die pas hat gewirkt. Zuerst die Gesundheitskommission des Ständerates und dann der Gesamte, stimmten dem Staatseinkauf als weitere Massnahme zur Beschaffung von Hilfsmitteln in der 6. IV-Revision als "ultima ratio" zu. Die pas ist am jubeln und die Versicherten sind am fluchen. Der Ständerat hat somit Ja zur Entmündigung des Hilfsmittelträgers gesagt, Ja zum Leistungsabbau und Ja zu mehr Kosten für Hilfsmittel.

Im Bericht der eidgenössischen Finanzkontrolle (EFK) kann man deutlich nachlesen, dass die Kostenzunahme rein durch die Mengenzunahme an abgegebenen Hörgeräten entstand. Beispiele aus dem Ausland haben gezeigt, dass der Staatseinkauf von Hilfsmitteln die abgegebene Menge massiv erhöht hat. Und jetzt kommt das Paradoxon: Das BSV will Kosten senken die durch die Mengenzunahme entstanden sind mit einer Methode die die Menge steigert.

Pauschale als Guillotine für den Beruf Akustiker

Während den Gesprächen zwischen Branchenvertretern, der pas und dem BSV wurde deutlich was uns im 2011 erwartet. Schon im Oktober erwähnte das BSV, dass es für den neuen Tarifvertrag ein Pauschalsystem dem Bundesrat vorschlagen wird. Das wurde im Dezember vom BSV schriftlich bestätigt. Mit dem neuen Tarifvertrag sieht das BSV aber keinen Grund die Qualitätssicherung zu wahren. Das würde bedeuten, dass zukünftig jeder Hörgeräte anpassen und verkaufen darf, egal mit welcher Ausbildung. Das BSV stosst mit dem Vorhaben auf grossen Widerstand. Die hörenschweiz, die pas und die Schweizerische Gesellschaft für Oto-Rhino-Laryngologie wehren sich entschieden dagegen. Auch wir sind dagegen. Der Beruf des Akustikers birgt Gefahren für den Hörgeräteträger die nicht unerheblich sind. Es ist äusserst fahrlässig, Menschen mit einem medizinischen Problem in die Hand von unqualifizierte Personen zu lassen. Um alle zu beruhigen die sich gerade in der Ausbildung zum Akustiker befinden: Es gibt noch nichts schriftliches das belegt, dass die Qualitätssicherung nicht Bestandteil des neuen Tarifvertrages ist.

Die Idee KON|SENS wird geboren

Die Diskussionen um die Köpfung unseres Berufes wahr der Auslöser für KON|SENS. Die jungen in unserer Branche haben zu wenig Einfluss auf das Geschehen, damit soll Schluss sein. Zu lange wurde zugeschaut wie die "Alten" die Branche ohne Initiative und Entscheidungswille repräsentierten. Es wird Zeit für frischen Wind.

In diesem Sinne: geniesst das neue Jahr, wir werden vieles verändern.

Euer Voice

Quellen

 

Kommentare   

 
#6 Birnbaumh 2011-01-10 14:37
Zum Thema Berufsschutz kann man sich gut das Beispiel des Architekten ansehen. Fast jeder kann sich Architekt nennen, die Bezeichnung ist nicht geschützt, nur wenn HTL oder ETH oder so dahinter steht ist es sicher, dass derjenige auch den entsprechenden Studienabschlus s hat.
Und auch da wird gekämpft:
http://krz.ch/v9U3
und
http://krz.ch/v9U2
Es ist also gar nicht so einfach und offenbar recht aufwändig. Wenn wir also etwas in der Richtung machen wollen müssen wir uns ganz schön ranhalten.
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#5 Birnbaumh 2011-01-09 14:01
2.Teil zum gerade obigem Beitrag:

Und unsere Branche setzt sich in Verhandlungen dafür ein, das der Kunde weiterhin hohe Beiträge bekommt und steht als Abzocker da.
Das verstehe ich einfach nicht.
Man sollte in der Kommunikation die von uns aus geht in Zukunft viel klarer zwischen den Preisen der Hörgeräte, den Preisen der Dientsleistung und den BEITRäGEN der IV unterscheiden (Nicht nur auf der Rechnung oder im Beratungsgesprä ch) und die Beiträge nicht auch immer Preise nennen.
Wenn das BSV kommuniziert ist es klar, das es von Preisen spricht, aber da sollten wir aktiv mehr Klarheit schaffen.
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#4 Birnbaumh 2011-01-09 14:00
Vielleicht bin ich etwas einfältig, aber was ich bis zum heutigen Tag nicht begreiffe ist:
Es wird immer von den Preisen geredet beim BSV. Aber Schlussendlich sind das ja Gelder die der Versicherte bekommt, vorerst zwar nicht ausbezahlt sondern von uns direkt mit der IV abgerechnet, aber trotzdem. Unser Kunde bekommt am Ende weniger Geld. (Und kauft darum vielleicht ein günstigres oder billig HG)
Aber irgendwie scheint das die Kunden nicht zu interessieren. Die denken bei solchen Nachrichten immer: AHA, die Preise (und damit meint der Kunde unseren totalen Verkaufspreis am Ende der Rechnung und übersieht total, das es ja nicht das sondern der Beitrag ist den er bekommt) sind zu hoch - skandal - das ist gut das die IV da spart. Dabei wird ja an seinem Geldbeutel gespart. Trotz Erklärungen bei solchen Diskussionen sind die meisten Kunden da uneinsichtig.
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#3 Ueli 2011-01-09 13:42
Was kommt noch? Blick auf das neue Jahr

Zeigt sich die jetztige Pauschallösung als wenig effizient oder zu problembehaftet , kommt der nächste Schritt, nähmlich Ausschreibungen der Hörgeräte und der Dienstleistung (evt. 2012).

Intressant sind diesbezüglich die Aussagen der Ständeräte (Sommersession 2010) http://www.parlament.ch/ab/frameset/d/s/4814/330198/d_s_4814_330198_330312.htm

besonders so um Artikel 21 herum.

Z.B. sagt da Frau Somaruga:
Das Ausschreibeverf ahren ist das einzige Mittel, das wirklich Druck ausüben wird. Deshalb brauchen wir das Ausschreibeverf ahren.
und weiter:
Ich bitte Sie,(Bundesrat Burkhalter) in der Zeit, die jetzt noch zur Verfügung steht, Ihre Möglichkeiten bei der Pauschale auszunützen - da liegt auch noch etwas drin Wir haben das Geld nicht, um überhöhte Preise zu bezahlen.

Ist nicht dies was gerade jetzt passiert?
Was sollen wir tun?
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#2 Ueli 2011-01-09 08:18
1. Nach meiner Meinung muss jetzt auch der Beruf Hörgeräteakusti ker m. eidg. Fachausweis in allen Kantonen geschützt werden. Die Optiker haben das schon lange getan. Dies ist absolut dringend, auch wenn es Zeit dauert und es mühsam ist bis in allen Kantonen der Schutz besteht.
2. Soll man nach meiner Meinung nicht mehr schwammige Begriffe wie "Qualitätsicher ung" oder "Fachpersonen mit Ausbildung" verwenden(siehe Medienmitteilun g) sondern klar nur noch von "Berufsqualität " sprechen, welche mit dem Begriff "Hörgeräteakusti ker mit eidg. Fachausweis" bezeichnet wird.
Unsere Berufsbezeichnu ng muss wieder zentral betont werden. Unser Berufsabschluss und 3-jährige Ausbildung bürgt für unsere Qualität.
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#1 Peter 2011-01-08 21:10
Gerne möchte ich wissen wer der Initiant dieser interessanten Plattform ist.
Ich sehe für unsere Kunden und unseren Beruf ein zukünftiges Problem. Wir müssen so schnell wie möglich einen Berufsschutz in die Wege leiten. Das BSV ist nicht zuständig für unseren Berufsschutz, das müssen wir bei jedem Kanton separat beantragen. Einige Kantone haben dies in der Vergangenheit bereits anerkannt, die meisten nicht. Dieser Berufsschutz wird jetzt sicher die höchste Priorität in unseren Verbänden sein.
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